neuebuehnevillach
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19.10.2007
Presseinformation UA Die Diagnose - fractured borders

 

Die Traumfrauen, die Fotofrauen, die Körperfrauen, die Brieffrauen.

UA Die Diagnose – fractured borders
Angewandtes Theater und NeueMusikProjekt
Regie: Katrin Ackerl Konstantin und Rosalia Krautzer

Premiere: 26. Oktober 2007
20.00 Uhr in der neuebuehnevillach



Und keiner weiß, wie es ist und jeder redet so gescheit daher.
Und fertig werden muss man ja doch selber damit. (Darstellerin)

Das Stück:
Erzählt werden die Geschichten unterschiedlicher Frauen und ihr Umgang mit der Diagnose Brustkrebs. Alle Texte und Bewegungen sind authentisch und beziehen sich auf das subjektive Erleben der Frauen. Um ihre Identität zu schützen, aber die Kraft der Authentizität zu nützen und zu berücksichtigen, spricht jede Frau für sich, aber auch mit den Worten anderer.
Sie sind:
Die Traumfrau, die Frau die träumt
Die Fotofrau, die Frau die sich erinnert
Die Körperfrau, die Frau die ihren Körper wahrnimmt
Die Brieffrau, die Frau die schreibt

Ich schau jetzt auf mich. Jetzt hab ich Zeit.
Jetzt hab ich Freundinnen, die auf mich schauen.
Die Zeit für mich haben. (Darstellerin)

Was braucht man? Das Gespräch ist angenehm und wenn jemand zuhört.
Eher zuhört, als auf einen einredet. Das ist ganz wichtig. (Darstellerin)

Wir haben in einem 1-jährigen work-in-progress Prozess mit Mitteln aus dem Angewandten Theater Archetypinnen geschaffen. Es sind Briefe, Fotosammlungen, Tonaufnahmen, Bilder- und Videoaufzeichnungen entstanden. Diese Sammlung bildet das Ausgangsmaterial für den Theaterabend. (Katrin Ackerl Konstantin, Regie)

Eine Art Fragmentierung und Neuzusammenfügung von Identitäten, erreicht Evelin Heregger durch fotografische Elemente, die wie ein Puzzle aus Fragmenten in den Bühnenraum gehängt werden. Verdeckungen und Offenlegungen ergeben so neue Formationen. (www.neuebuehnevillach.at - Pressefotos) Wie Balken verdecken sie Realpersönliches mit projiziertem Persönlichem der Darstellerinnen, schaffen Konstrukte, lassen Vorgefasstes mit Tatsächlichen verschmelzen und bei genauerem Betrachten sich auflösen.

Bruno Strobl, Musik ist gleichsam die Position im Außen. Ebenfalls als ein Archetypus, setzt die Musik einen wichtigen gesellschaftlichen Schwerpunkt. Sie ist vor gefasste Meinung und Nachrichtenträgerin, Opposition, Stellungnahme und Tabu. Kernstück bilden Sätze, die die Frauen hörten, als sie ihre Diagnose erfuhren.

(Brief einer Darstellerin)
Liebe Katrin! Liebe Rosi!
Zuerst möchte ich Euch beiden für die Behutsamkeit und Sanftheit danken – mit der Ihr beide mit uns gearbeitet habt. Für die Geduld, die Kraft und Freude an der Ihr uns habt teilhaben lassen.
Wie ich zu diesem Projekt gekommen bin, brauche ich nicht zu erwähnen.
Ich durfte Stufe für Stufe mehr über mich erfahren – über mein Inneres. Es war für mich – wie das Öffnen eines Gartentores – ich durfte meine Seelenlandschaft sehen; ich gewann neue Einblicke, Ausblicke und Durchblicke. Ich erfuhr auch, dass sogar Fehler ein Geschenk sein können – ich darf/kann etwas verändern, es annehmen oder so sein lassen. Ich trage „vieles – ja alles“ was wir erarbeitet haben in meinem Inneren. Und ich brauchte nichts zu spielen – ich durfte so sein – wie ich bin.
Ich habe sogar meinen inneren Bildern Farbe gegeben, ich habe getanzt, gelacht, geträumt und auch geweint – alles durfte sein.
Dieses Jahr zählt zu meinen schönsten – danke Euch dafür.

Katrin Ackerl Konstantin, Regie
Geboren 1970 in Niederösterreich, Schauspielausbildung am Konservatorium Wien, Förderungspreis der Stadt Wien, Psychologiestudium.
Als Schauspielerin seit 1994 in Wien, Salzburg, Bregenz, Villach, München und Berlin tätig.
Seit 7 Jahren arbeitet sie vermehrt im Bereich des Bewegungstheaters. Arbeiten mit Martin Gruber, Myrto Dimitriadou und Liz King.
Nach DasTiermensch, Wilhelm Busch, Orlando und Jelineks Bambiland ist dies die fünfte Regiearbeit in der nbv
Nach inspirierenden Begegnungen mit Theaterschaffenden, die neue Theaterformen ausprobieren und explorieren, geht sie mit ihren Projekten und Konzepten einen innovativen, unkonventionellen Weg.
Was mir in meiner Arbeit wichtig ist:
Ich sehe einen Moment, einen Augenblick, lese einen Satz. Ich möchte tiefer eintauchen in den Gedanken, der bei mir dazu auftaucht, sich aufdrängt….der Frage nachspüren, die sich auftut wie eine Tür.
Daraus ergeben sich ganz eigene Produktionen, zu denen ich mich mit Leuten verbinde, um gemeinsam über ein Thema zu variieren. Das Ergebnis ist ein großer gemeinschaftlicher Prozess, bei dem wir uns alle innerhalb unsrer Möglichkeiten und Begrenztheiten annähern. Unser Motor ist das Weiterdenken wollen, weiter dazu anregen zu wollen, gemeinsam darüber nachzudenken, gemeinsam mit dem Publikum. Als Ausdrucksmittel wähle ich immer andere, neue Formen theatralen Handwerks. Ich versuche verschiedene Künste als gemeinsame Plattform zu nutzen, um ein Anliegen umzusetzen, einem Thema auf den Grund zu gehen und neue Mitteln des Ausdrucks dafür zu finden.

Rosalia Krautzer, Regie
Psychologin. Studium Angewandter Psychologie in Großbritannien. Lebensberaterin in freier Praxis, Referentin und Projektleiterin in generationenübergreifender Erwachsenenbildung (Mut tut gut. Roka v roki – Hand in Hand). Weiterbildungen in Psychoonkologie (Ärztekammer Tirol) und Angewandtem Theater mit international anerkannten Regisseuren (Institut Performance, Graz). Konzeption, Organisation, Regie, Schauspiel bei traditionellen und angewandten Theaterprojekten.
Ein intensives ehrenamtliches Engagement verbindet mich seit Jahrzehnten mit dem Theater. Das Kulturspektrum Maria Gail, ein Theater- und Kulturverein, den ich seit 1974 mitgeprägt habe, ist für mich ein lebendiger Ort des künstlerischen Miteinanders mit schöpferisch begeisterten Menschen geworden. Fortbildungen bei SchauspielerInnen und RegisseurInnen (u.a. Augusto Boal, Elektra Tselikas, Linda Mawson, Richard Nieoczym) ergänzen und erweitern meine Kenntnisse in diesem Bereich.

Bruno Strobl, Musik
Komponist und Dirigent. Klarinette und Theorie am Konservatorium in Klagenfurt. Kompositionsunterricht bei Nikolaus Fheodoroff. Kompositionsstudium am Kärntner Landeskonservatorium und Abschluss mit Diplom (Auszeichnung) bei Dieter Kaufmann. Obmann der Kärntner Zweigsektion der "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" (IGNM). Gründer und von 1987-1995 Leiter des Vokalensemble VOX NOVA. Seit 1988 als Dirigent mit dem Ensemble Kreativ Aufführung vieler zeitgenössischer Werke im In- und Ausland. 1998 und 2000 Künstlerischer Leiter des Klangspectrum Villach (Internationales Festival für Neue Musik). Seit 2002 Musikalische Projektleitung von neuebuehnevillach
Auszeichnungen (Auswahl) 1983 Förderungspreis des Landes Kärnten für Musik, 1988 Staatsstipendium für Komposition, 1994 Staatsstipendium für Komposition, 2000 Würdigungspreis des Landes Kärnten für Musik, 2006 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Das Team
Regie: Katrin Ackerl Konstantin und Rosalia Krautzer
Komposition: Bruno Strobl
Bühnenbild: Evelin Heregger
Kostüme: Michaela Wuggenig
Darstellerinnen: 10 Frauen nach der Diagnose Brustkrebs:
Die Traumfrauen: Evelyne Andrae, Andrea Assinger, Anna Kollmann
Die Fotofrauen: Sophie Stiegler, Renate Mattersdorfer, Hilde Kern
Die Körperfrauen: Elfriede Wilfling, Anna Kollmann, Elisabeth Krista
Die Brieffrauen: Gerda Kokal, Ida Themesl, Elfriede Wilfling, Anna Kollmann
MusikerInnen: Percussion, Andreas Riegler; Flöten: Birgit Paulikovics-Liebl
Hinweis
Die Regisseurinnen stehen Ihnen gerne für Gespräche/Interviews zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie Termine direkt mit Waltraud Hintermann, nbv (mobil: 0664/4644297)

Service
UA Die Diagnose – fractured borders
Offene Probe: 24. 10. um 19.00 Uhr in der neuebuehnevillach. Eintritt frei!
Premiere am 26. 10. 2007 um 20.00 Uhr
Weitere Termine: 27. 10, 30. 10. (ausverkauft) 1. – 3. 11., 7. - 10. 11. jeweils 20.00 Uhr
4. November Sonntagsmatinée 11.00 Uhr (anschließend Gespräch mit den Darstellerinnen und Regisseurinnen, inkl. Brunch)
Mi 31. 10. und Di 6. 11. 10.00 Uhr jeweils Schulvorstellungen
Karten: 04242/27341 (www.neuebuehnevillach.at)

Beilage
Gespräch mit Katrin Ackerl Konstantin und Rosalia Krautzer

Rückfragehinweis/Interviewanfragen:
Waltraud Hintermann, Administrative Leitung, mobil: 0664/4644297
waltraud.hintermann@neuebuehnevillach.at

Zusatzinformationen zu ‚Die Diagnose – fractured borders’

Im Gespräch mit Katrin Ackerl Konstantin und Rosalia Krautzer

Im Programmheft zur Diagnose beschreibt Ihr bereits Euren Zugang, die Arbeitsweisen, den Entwicklungsprozess. Wir erfahren auch Einiges über das Bühnenbild von Evelin Heregger und andeutungsweise über die NeueMusik von Bruno Strobl. Nachstehende Fragen und Antworten können uns vielleicht noch ein wenig mehr Einblick bringen, beim Blick über die 'fractured borders'.

Was 'genau' ist nun unter 'Angewandtes Theater' zu verstehen?

‚Angewandtes Theater’ als Begriff lässt sich am besten mit den Worten Elektra Tselikas (www.anthea.at) verdeutlichen: „Gearbeitet wird in einem Spannungsfeld aus Theater und Alltag“. In der Diagnose werden einerseits mit den Mitteln des theatralen Handwerks und andererseits – in einer Art work-in-progress-Prozess – Theaterübungen mit den Darstellerinnen erarbeitet und angewendet. Die Lebensgeschichten der betroffenen Darstellerinnen führen uns auf ihre Spur. Sie erzählen sich mit vielfältigen Ausdrucksmitteln und wir versuchen festzuhalten, was theatral wirksam sein kann.

Brustkrebspatientinnen berichten immer wieder davon, dass ihnen in schweren Zeiten nicht zugehört wird. Ärzte und Fachpersonal sind oft unter Zeitdruck oder 'routiniert'. Angehörige, Freunde, Bekannte sind befangen, können mit dem plötzlichen 'Leid' nicht umgehen. Die Patientinnen fühlen sich schlagartig 'minderwertig, unvollkommen, beeinträchtigt'.

Rosalia Krautzer: Ja. Wobei noch wesentlich hinzukommt, dass die Frauen vor allem in ihrer Identität als Frauen angegriffen sind, da in unserer Kultur das weibliche Selbstbewusstsein stark von äußeren Attributen geprägt wird.
Die Realität für das Fachpersonal ist auch eine beengende: eine schlechte Nachricht – kann einfach keine gute Nachricht werden. Genauso sind die Menschen im engeren und weiteren Umfeld plötzlich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Wir erleben viel Hilflosigkeit, Unbeholfenheit und Überforderung. Nur wenige nutzen professionelle Hilfe.
Der Umgang damit ist für alle Betroffenen ein schwieriges Unterfangen.

Katrin Ackerl Konstantin: Wir setzen in dieser Produktion ein Innen und ein Außen. Die Verbindung zwischen diesen beiden Polen wird vor allem in der Musik bearbeitet. Bruno Strobl hat mit dem Atem und den Stimmen der Frauen ein dichtes Netz gewebt, dessen Maschen so groß sind, dass genügend Raum für das Publikum bleibt, seine/ihre eigene Stimme darin zu finden.

Frage an Rosalia Krautzer: Du arbeitest im psychosozialen Bereich mit Betroffenen, du organisierst u. a. so genannte Ermutigungsgruppen. Ist diese Form der Theaterarbeit, mit all der Ausgesetztheit und Anstrengung, ein geeignetes Unterfangen(1)?
Wird den Frauen, in diesem Umfeld, auf der Bühne zugehört(2)?

(1)Ich bin dem Wunsch der Frauen gefolgt, mehr an Theaterübungen anzubieten, um ihr Erleben aufzuarbeiten. Die Frauen haben durch diese Arbeit Stärkung, Ermutigung, Freude, Veränderung usw. erfahren. Sie haben ihr Erfahrungswissen zur Sprache gebracht und ich/wir haben sie in dieser Phase begleitet.
Hier geht es natürlich sehr wesentlich um Eigenverantwortlichkeit. Wir verlassen uns auf die Rückmeldungen der Frauen, sehen den Prozess als ganzheitlichen Vorgang an. Diese behutsame Arbeit, die wir seit einem Jahr machen, fördert den Selbstwert. Die Lebensqualität scheint zu wachsen. Lachen, Lebensfreude und auch Traurigkeit haben ihren Platz.
(2) Auf der Bühne ist das Stück zu sehen, weil es uns ein Anliegen ist, das Tabu um die Krankheit Krebs, das Leben mit einer chronischen Krankheit und das Thema Sterben zu durchbrechen. Wir machen das Erfahrungswissen der Frauen sichtbar, würdigen diese Frauen und ermutigen zu Gesprächen. Wir wollen Anregung bieten sich den eigenen Ängsten zu stellen. Wir wollen auch an jene Frauen erinnern, die an Brustkrebs gestorben sind. Es ist auch eine Möglichkeit für Betroffene und ihr soziales Umfeld neu/anders ins Gespräch zu kommen.

Frage an Katrin Ackerl Konstantin: Wieviel an 'Die Diagnose - fractured borders' ist nun eigentlich dem Genre Theater zuzuordnen oder anders gefragt: Was unterscheidet diese Arbeit z. B. vom Psychodrama?

Ein Psychodrama baut ja auf grundtherapeutischen Ansätzen auf. Die vorliegende Arbeit hat aber die Absicht und das Ziel der ‚Aufführung’. Wir möchten das Erleben der Frauen sichtbar machen. Das ist die Arbeit. Also das Material kommt ganz authentisch von den Betroffenen. Die Essenz daraus wird den Theaterabend ergeben. Das wird zu sehen sein. Wir haben den Frauen zugehört, zum Schutz der Frauen die Fülle der Beiträge gleichsam fragmentiert oder frakturiert. Die Frauen erzählen gewissermaßen mit anderen Stimmen ihre gemeinsame Geschichte.

Gibt es für die Diagnose speziellere Erwartungshaltungen an das Publikum oder auch Wünsche, Empfehlungen?

Es geht um das Thema: Gesellschaft und Krebs.
Wie gehen wir mit diesem Tabu, mit dieser Angst um? Zitat: ‚Eigentlich will ich am besten davon nichts hören und wissen, hoffentlich erwischt es mich nicht. Was tue ich, wenn eine mir nahe stehende Person davon betroffen ist?’

Es geht um 10 Frauen: Wie geht es Betroffenen damit?
Im Stück passiert ja eine Art ‚Hinführen’ zu den Biografien, ein Sammeln von verschiedenen individuellen Erfahrungen der Frauen. Wie geht man damit um? Auch mit dem Phänomen Angst. Angst der Betroffenen, der Angehörigen, der Zuschauer. Die Wahl der Mittel ‚Angewandtes Theater’, die Musikkomposition, die Übersetzung in die theatralen Formen bietet auch dem Publikum die Möglichkeit ‚hinzusehen, hinzuhören’.

Unzählige Einrichtungen sind mit - leider viel zu vielen - betroffenen Frauen in mehr oder weniger intensiver Verbindung. Von der medizinischen bis zur psychologischen Unterstützung reichen die Wirkungsfelder. Wie wünscht Ihr Euch die ‚Diagnose’ in diesem Umfeld positioniert?

Wir stehen und bewegen uns in einem riesigen Zimmer. Befunde, Fotografien, Papiere, Papierstapel, Berge von Papier. Es steht unglaublich viel herum. Wir sichten und ordnen. Es tauchen Wünsche auf: Ärzte, die sich Zeit nehmen, ein Mehr an Begleitung, gute Gespräche, mehr Raum zu haben. Politische Systeme, die dafür Räume schaffen.
Dieses Stück kann eine Einladung sein die Kommunikation zwischen Betroffenen und den Menschen in deren sozialen Umfeld und dem professionellen Umfeld neu zu gestalten. Eine Kommunikation die immer den/die Einzelne/n im Blickpunkt hat.

Klagenfurt, am 11. Oktober 2007





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